Coming out

Im Gegensatz zur allgemeinen Annahme, bedeutet Coming Out weitaus mehr als der alleineige Moment in dem eine Person zugibt homosexuell zu sein. Wir sprechen hier viel eher von einem langwierigen Entwicklungsprozess der alles das beinhaltet was eben dazu führt dass ein homosexualler Mensch irgendwann zu seiner Homosexualität stehen kann. Das heisst: sich erkennen, sich akzeptieren und sich mitteilen.

Diese Entwicklung spielt sich auf zwei Ebenen ab:

  • Zuerst einmal stellt ein Mensch irgendwann fest dass er schwul, lesbisch (oder bisexuel) ist und muss zusehn damit klar zu kommen.
  • Auf der anderen Seite, auf gesellschaftlicher Ebene, steht ein zweiter, langer Weg der ebenfalls bewältigt werden will. Hier muss eine homosexuelle Person Schritt für Schritt lernen, in der Gesellschaft in der sie lebt, zu ihrer Homosexualität zu stehen. Gleiches gilt für Bisexualität.

Es bestehen verschiedene Modelle zum Verständniss dessen was genau Coming Out bedeutet. Wir im CIGALE basieren uns einfachheitshalber auf einem 3-Phasen Model:

  1. Das Pre-Coming Out (was bedeutet sich seiner Homosexualität bewusst zu werden und zu lernen diese zu akzeptieren)
  2. Das Going Out (die Phase während der der homosexuelle Mensch lernt sich mitzuteilen)
  3. Das Post-Coming Out (das bedeutet seine Homosexualität als Teil seiner Persönlichkeit anzunehmen und seine Homosexualität einfach in sein Gesamt-Lebenskonzept einzubeziehen)

Aber was bedeutet es denn jetzt tatsächlich sein “Coming Out” zu “machen” ?

Oftmals stellt ein homosexueller Mensch anfangs erst einmal einfach fest dass seine sexuelle Ausrichtung eben anders ist als die der meisten. Dies braucht oft eine sehr lange Zeit und solch eine Person ist zu diesem Zeitpunkt meist auch noch gar nicht bereit über ihre Homosexualität zu sprechen und verheimlicht diese vor ihrem Umfeld. Es ist ebenfalls so dass zu diesem Zeitpunkt oftmals ein enormer Leidensdruck besteht, verbunden mit grossen Ängsten, Schamgfühlen und den Sorgen dass “es herauskommt”.

Zu diesem Zeitpunkt hat man ebenfalls oft das Gefühl sich ständig im Kreis zu drehen und nie einen Ausweg zu finden zu werden. Man steht vor einem Berg an Sorgen und Ängsten die grösstenteils darauf basieren dass man kaum neutrale, geschweige denn positive Informationen zum Thema Homosexualität findet. Hier besteht also ein hin und her der Gefühlswelt.

Irgendwann kommt dann aber auch hoffentlich der Moment wo ein homosexueller Mensch zugibt schwul bzw. lesbisch zu sein. Auch bei bisexuellen Menschen. Das ist dann der Moment wo ein Homosexueller seine wahre Natur nicht mehr bekämpft und langsam anfängt sich seinem Umfeld mitzuteilen.

Diese Phase ist allerdings noch als “heikel” zu verstehen da ein homosexueller Mensch hier noch extrem sensibel auf Inakzeptanz reagiert. Eine schlechte oder verletzende Erfahrung oder Bemerkung kann zu diesem Zeitpunkt einen Coming-Outler wieder um Jahre in seiner Entwicklung zurückwerfen und jede zusätzliche negative Erfahrung macht es manch einer homosexuellen Person immer schwerer und manchmal sogar unmöglich jemals frei zu seiner Homosexualität stehen zu können.

Falls das Umfeld aber positiv reagiert, fühlt sich ein homosexueller Mensch ein erstes Mal wertgeschätzt, was ihm den nötigen Mut und das nötige Selbstvertrauen beschafft sich weiteren Menschen zu öffnen und so weiterhin an einer positiven homosexuellen Identität zu arbeiten. Das gestärkte Selbstvertrauen und das positive Selbstbild erlauben ihm oder ihr immer mehr seine oder ihre Persönlichkeit frei aus zu leben und sich als Homosexueller besser positionnieren zu können. Hier lernt der homosexuelle Mensch schlussendlich einfach nur seine sexuelle Orientierung als Teil von ganz vielen anderen in sein Leben zu integrieren.

Es wäre allerdings jetzt falsch zu glauben dass diese Phasen klar definiert und getrennt wären. Das ganze ist viel eher als kontinuierlichen Entwicklungsprozess zu verstehen wo alles fliessend ineinander übergeht. Und weil jeder Mensch anders ist, verläuft das ganze bei jedem Einzelnen auch unterschiedlich.

Die Zeit die jeder Einzelne brauch sein Coming Out zu machen hängt von so vielen, verschieden Faktoren ab, dass es hier grosser Unterschiede geben kann. Jeder braucht halt so lange wie er braucht und es macht absolut keinen Sinn sich mit anderen zu vergleichen. Schneller ist nicht unbedingt besser und langsam heisst nicht gleich schlecht.Es handelt sich hier um eine äusserst persönliche und intime Sache so dass jeder sich auch die Zeit geben soll die er oder sie für richtig und als nötig empfindet.

Eine letzte wichtige Sache die es zu erwähnen gilt ist dass es von enormem Wert ist während seines Coming Outs eine Vertauensperson zu haben der man sich mitteilen kann. Jemand der nie die Möglichkeit hat zu reden riskiert sich schlecht in seiner Haut zu spüren. Es mag anfangs sicherlich nicht einfach sein sich einem Fremden gegenüber zu öffnen, besonders bei einem solch persönlichen Thema. Im Laufe der Zeit wird ein Coming-Outler aber merken wie gut es tut sich jemanden anvertrauen zu können.